WANDELGÄNGE AM MONDSEE

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WANDELGÄNGE AM MONDSEE

Im Jahr 2009 begann die Kulturstiftung Hohenmölsen mit der Errichtung eines symbolischen kulturhistorischen Weges. Dieser Weg, in Form der maßstabsgerecht verkleinerten Abbildung einer Landkarte vor der ‚Überbaggerung‘ von 14 Ortschaften durch den Tagebau Profen, entstand am Rande des Freizeitparkes Pirkau und soll die Erinnerung wach halten. Entlang der gepflasterten Route wurden die durch den Braunkohlenabbau verlorenen Ortschaften in ihrem stilisierten Umriss mit der Verlegung durch rote Granitplatten markiert und mit dem jeweiligen Ortsnamen versehen. Die weiterführende Aufgabestellung bestand darin, unter Einbeziehung des Rundweges einen nachhaltigen Erinnerungs- und Gedenkort zu schaffen, welcher den Stiftungsgedanken und damit die Bedürfnisse der hier lebenden Menschen aufgreift, geschichtliche Bezüge herstellt und den Weg in eine positive Zukunft weist. Ein Ort zum Erinnern und Verweilen.

Im letzten Jahrhundert wurden in Mitteldeutschland ca. 52.900 Menschen im Zusammenhang mit der Erschließung von Braunkohlelagerstätten umgesiedelt. Teils freiwillig, teils unfreiwillig – die Einzelschicksale verschwimmen in der Masse. Ein besonders schmerzlicher Inhalt dieser Biografien, welcher alle vereint, ist der Verlust der Heimat. Aufgrund eines steigenden Energiebedarfes infolge der Industriealisierung gingen ganze Ortschaften mitsamt ihrer kulturellen, architektonischen und geschichtlichen Traditionen ebenso verloren wie gesellschaftliche Netzwerke, Beziehungen und familiäre Strukturen. Allein dem Tagebau Profen fielen 14 Ortschaften zum Opfer. Orte mit Kirchen, Schulen, Kindergärten, Gaststätten, Bauernhöfen, Wohnhäuser mit gepflegten Gärten, Felder, Wiesen und u.v.m. Orte aber auch und vor allem mit Menschen, ihren Wurzeln und ihren Lebenswerken.

Was bleibt nach deren Umsiedlung, nach dem Abriss der letzten Häuser, Mauern und Wege? Was bleibt nach der Fällung der letzten Bäume, dem Abtrag der letzten Felder und Wiesen?
Die räumliche Leere, identitätslose Flächen, ein Nichts – die Geschichte verstreut, mit Abraumbaggern über Förderbänder verteilt droht sie mit dem Verlust der Menschen ein zweites und endgültiges Mal verloren zu gehen. Dies zu vermeiden, bedarf es der lebendigen Erinnerung. Die Biografien der Menschen, die Geschichten, Bilder müssen auch für die nachwachsenden Generationen einen würdigen Platz und einen Ort der Bewahrung finden. Sie leben längst an anderen Orten, in neuen Häusern, mit neuen Mauern und neuen Wegen, doch sie eint noch immer die Gemeinschaft, das gleiche Schicksal, die Herkunft – so war es schon immer.

Erinnern ist nicht gleichbedeutend mit dem Verfall in sentimentale Trauer. Die von der Umsiedlung betroffenen Menschen haben ihre alte Heimat verloren, die neuen Herausforderungen angenommen, ein neues Gefüge eingerichtet und die Chancen auf ein neues Leben in einem selbst gestalteten Umfeld ergriffen. Die Anpassungsfähigkeit des Menschen an eine sich permanent verändernde Umwelt ist die eigentliche Botschaft – eine Kernaussage. Der Umsiedlungsprozess mit all seinen Facetten, kann im übertragenen Sinne als Vorbild für andere Lebensbereiche dienen und den Weg in eine positive Zukunft weisen. Er verdeutlicht, dass eine aktive Beteiligung des Einzelnen zu einem Mehrwert für alle – für die Gemeinschaft führen kann. Mit der Sommerakademie und zahlreichen medialen Publikationen begann die Kulturstiftung Hohenmölsen, in den vergangenen Jahren, den Umsiedlungsprozess und seine Auswirkungen zu dokumentieren. Der nächste Schritt ist die nachhaltige Verknüpfung der einzelnen Maßnahmen zu einem mit allen Sinnen erlebbaren Gesamtkonzept.
Als Basis soll am Eingang zum Freizeitpark Mondsee, auf neutralem, aufgeschüttetem Boden und frei von geschichtlichen Assoziationen, ein interessanter Ort entstehen – ein Ort der Gemeinschaft.

Der Ort zum Erinnern am Mondsee, wird sehr unterschiedliche Emotionen wecken. Grundsätzlich werden Menschen mit gänzlich verschiedenem Hintergrund und individuellen Empfindungen die Gedenkstätte besuchen. Die potentiellen Besucher gliedern sich in zwei Hauptgruppen: 1. ehemalige Bewohner der Abrissdörfer, bzw. deren Verwandte mit emotionalem Bezug 2. interessierte Besucher ohne emotionalen Bezug zu den verlorenen Orten. Wie kann ein Ort, der sich vordergründig mit der Geschichte und dem Leben der ehemaligen Bewohner befasst für nicht- bzw. nur peripher betroffene Besucher interessant gestaltet werden?
Hierzu ist es wichtig die unterschiedlichen und vielseitigen Erwartungen der beiden Gruppen zu analysieren und gestalterisch einzubeziehen.

Gruppe 1 – die ehemaligen Bewohner mit emotionalem Bezug
Erwartungen: – Herstellung eines persönlichen Bezuges zu dem ehemaligen Wohnort und die Ermöglichung einer Reflektion mit der eigenen Vergangenheit-virtuelle Darstellung verschwundener Heimat in Bild und Ton zur Dokumentation für die Folgegenerationen – Erinnerung an Erlebnisse, Feste, Bräuche und Einwohner – geschichtliche Aufarbeitung der Orte von der Besiedlung bis zur Umsiedlung – Dokumentation und Bewahrung von familiären Stammbäumen für zukünftige Generationen – Schaffung eines Ortes der Begegnung für Feste und kulturelle Veranstaltungen in der Natur.

Gruppe 2 – die interessierten Besucher ohne emotionalen Bezug
Erwartungen – ein Ort: – der in einer bereits heute medial überforderten Welt, nachhaltig das Interesse an einem Besuch weckt – der Überraschungen bereit hält, den Alltag vergessen lässt und zu einer Wiederkehr einlädt – zum Spielen und Lernen – an dem man neue und alte, beeindruckende Dinge lernen und erleben kann – ohne pädagogisierende Überfrachtung – an dem jeder Besucher selbst über die Tiefe der Informationen, die er aufnimmt, entscheiden kann – der es ermöglicht in der Stille eigenen Gedanken nachzugehen und gesellschaftliche Entwicklungen der Gegenwart zu reflektieren.

Als Resümee der Anforderungen wird deutlich, dass im Konzept sehr unterschiedliche Interessenlagen zu berücksichtigen sind. Der langfristige Erfolg der Gedenkstätte für die Gruppe 1 ist abhängig vom Input und der Schaffung eines breiten, gesellschaftlichen Konsens mittels der Unterstützung durch die Gruppe 2. Der Stolz und die Zuversicht der Gruppe 1 erwächst aus den positiven Eindrücken der Gruppe 2. Insofern ist es wichtig, eine gemeinsame Basis zu entwickeln, die beiden Gruppen gleichsam gerecht werden kann und individuelle Interpretationsspielräume zulässt.


Ein tragendes Element im Gesamtkonzept bildet die Verbindung zwischen dem vorhandenen Rundweg und einem Symbol, welches aufgrund seiner Komplexität einen großen Interpretationsspielraum bietet und die vielfältigen Ansätze verbindet. Die Idee eines Labyrinthes entstand aus dessen bedeutungsvoller und symbolischer Vergangenheit. Denn schon seit mehr als 4000 Jahren faszinieren Labyrinthe die Menschen auf der ganzen Welt. Als Entstehungsort gilt oft Kreta, allerdings entwickelten sie sich, unabhängig davon, auch in Lateinamerika, Afrika und Indien. Auch in Deutschland gibt es bemerkenswerte Beispiele. Was genau sind Labyrinthe? Labyrinthe sind in den meisten Fällen keine Irrgärten, d.h. es gibt weder Sackgassen, noch kann man sich in ihnen verlaufen. Vielmehr handelt es sich um ein verschlungenes System von Pfaden, die den Gehenden auf zahlreichen Umwegen zu einem Ziel – meist dem Mittelpunkt des Labyrinths – und anschließend wieder hinaus führen. Das Labyrinth ist also ein einziger langer Weg, der sich in Umläufen einer Mitte nähert, die, obwohl eigentlich nah, plötzlich unendlich weit entfernt scheint. Labyrinthe treten in den unterschiedlichsten Erscheinungsformen auf, beispielsweise als Bauwerke, Ornamente, Mosaike, Pflanzungen aber auch als Zeichnungen oder Schnitzereien. Was fasziniert die Menschen so daran? Das Labyrinth hat eine starke Symbolkraft – wahrscheinlich ist es genau das, was es für die Menschen so anziehend macht.

Die Betrachtungsweise ist dabei sehr unterschiedlich. Am häufigsten werden allerdings folgende Interpretationen verwendet:
– Labyrinthe als Spiegelbild des Lebens mit seinen Wendungen und Umwegen, seinen Schwierigkeiten und Kämpfen aber auch dem Lebensziel – dem Mittelpunkt. – Labyrinthe als Zeichen der Wiedergeburt – man überwindet alle Schwierigkeiten und Hindernisse des Lebens und verlässt das Labyrinth als neuer Mensch – wiedergeboren.
– Labyrinthe als Sinnbild des „unterwegs sein“(im Labyrinth) und des „Ankommens“ (in dessen Mitte und später am Ausgang) – Labyrinthe als Neudefinition des räumlichen Verstehens, als Orte der Verwandlung und Veränderung
Entscheidend ist, dass Labyrinthe nicht nur mit dem Verstand wahrgenommen, sondern vielmehr direkt erfahren werden. Die menschlichen Sinne werden beim Begehen stimuliert, man be’greift‘ sie im wahrsten Sinne des Wortes. Und so ist es nicht nur die starke Symbolkraft, die das Labyrinth so besonders macht, es weckt und belebt vielmehr die sensitiven Elemente und die Neugier der Menschen.

Was macht das Labyrinth zum passenden Gestaltungselement für die geplante Gedenkstätte?
Die Gedenkstätte soll einerseits an die verlorenen Ortschaften in der Region Hohenmölsen erinnern, steht andererseits aber auch für Veränderung und den Neuanfang der Umsiedler. Diese beiden Aussagen passen in ihrer Kombination sehr gut zu der oben beschriebenen Symbolik des Labyrinths:

– Labyrinthe als Spiegelbild des Lebens mit seinen Wendungen und Umwegen, seinen Schwierigkeiten, Kämpfen, Verletzungen und Sehnsüchten mit unterschiedlichen Lebenszielen und dem im Mittelpunkt stehenden Gemeinschaftsgefühl Diese Betrachtungsweise ist ohne weiteres auch auf die Umsiedler und ihren zurückgelegten Weg übertragbar – die Schwierigkeiten und Umwege, die Irrungen und Wirrungen, die schließlich an einen neuen Ort, eine neue Lebensmitte führten.

– Labyrinthe als Zeichen der Wiedergeburt Wiedergeburt und Neuanfang sind Begriffe, die auch die Umsiedlung Großgrimmas beschreiben könnten. Die Menschen haben den Untergang, das Ende der alten Heimat erlebt, die äußeren Verluste und inneren Wunden erfahren , etwas Neues geschaffen, einen neuen Anfang gemacht.

– Labyrinthe als Sinnbild des „unterwegs sein“(im Labyrinth) und des „Ankommens“(in dessen Mitte) Ankommen war ein zentrales Schlagwort des 10jährigen Jubiläums der Umsiedlung Großgrimmas. „Wir sind angekommen“ hieß das Leitmotiv. Wer angekommen ist, muss vorher auf dem Weg gewesen sein, auf der Suche nach einem Ziel – ganz so wie in einem Labyrinth.

– Labyrinthe als Neudefinition des räumlichen Verstehens, als Orte der Verwandlung und Veränderung So wie Labyrinthe Symbol für räumliche Veränderung und Verwandlung sind, kann man auch Umsiedlungen als solche begreifen. Auch sie markieren Veränderungen im räumlichen Umfeld von Menschen und eine Verwandlung von Landschaft und Lebensräumen. Labyrinthe wurden von jeher an Orten installiert, die für die Menschen in der Umgebung eine besondere Bedeutung hatten. Dies können religiöse, kultische oder mystische Orte sein, aber auch Orte der Erinnerung und Einkehr wie im Falle der geplanten Gedenkstätte.

Der Titel‚ Wandelgänge am Mondsee‘ nimmt Bezug auf das Durchschreiten der Wege im Labyrinth und die bewusste Wahrnehmung des Ortes mit allen Sinnen. Die Anlage gliedert sich in drei Ebenen, die Räumliche, die Sensitive und die Virtuelle.

Die räumliche Ebene umfasst alle materiellen Bestandteile mit folgenden Elementen:

-Das Tor symbolisiert den Eingang zu einem anderen Ort.
-Der Rundweg verbindet die verschwundenen Orte, nicht willkürlich, sondern analog, maßstäblich der ursprünglichen Kartografie.
-Die Eingänge ins Labyrinth befinden sich an den verschwundenen Orten entlang des Rundweges und symbolisieren den Aufbruch ins ungewisse Neuland.
-Die Wege im Labyrinth symbolisieren die verzweigten unvorhersehbaren Lebenswege der Menschen vom Leben als Nomaden hin zum ortsansässigen Konsumenten, der aufgrund global wachsender Bedürfnisse seine Heimat verliert.
-Die Plätze im Labyrinth laden zum Verweilen ein und dienen als themenbezogene Informationspunkte mit individuellem Charakter. Sie beleuchten im geschichtlichen Kontext die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhänge.
-Der zentrale Platz bildet den Mittelpunkt – das Ziel aller Anstrengungen. Er symbolisiert das Zentrum, den gleichberechtigten Mittelpunkt der Gemeinschaft, den Ausgangspunkt der menschlichen und damit verbundenen sozialen-, kulturellen- und wirtschaftlichen Entwicklung vom Höhlenfeuer und Industrialisierung bis zur Energiediskussion der Gegenwart.
-Die Aussichtsplattform ermöglicht einen räumlichen Gesamteindruck

Die sensitive Ebene umfasst alle Informationen, die von den menschlichen Sinnen aufgenommen werden können, mit folgenden Elementen:
-Die Informationstafeln am Haupteingang mit allgemeinen Erläuterungen und Hinweisen zur Anlage
-Die Informationstafeln an den Eingängen zum Labyrinth mit allgemeinen Fakts zu den verlorenen Orten
-Die Informationstafeln an den verschiedenen Plätzen im Labyrinth mit allgemeinen Daten zu den Spezialthemen
-Die Hainbuchenhecken zur Abgrenzung der Wege im Labyrinth und als Sinnbild im Wandel der Jahreszeiten. Das Rauschen der Blätter im Wind hat eine beruhigende Wirkung.

Die virtuelle Ebene ermöglicht die multimediale Aufarbeitung von Informationen in Text, Bild und Ton, deren zielgerichtete Bereitstellung und hat folgende Vorteile gegenüber einer rein sensitiven Gestaltung:
-Computergestützte Bereitstellung von detaillierten Informationen unter Einbeziehung von GPS- und Mobilfunktechnologie (mobile tagging)
-Vernetzung der Hardware (Labyrinth) mit den vielschichtigen Informationen durch eine intuitive Software
-Erhöhung der Informationsdichte ohne räumliche Begrenzung mittels virtueller Informationsbereitstellung
-Reduzierung der Reizüberflutung durch eine visualisierte themenbezogene Gliederung der vielschichtigen Informationen
-Erleichterung der Informationsaufnahme durch eine erlebbare Verbindung von realen Orten mit virtuellen Fakten
-Geringe Anfälligkeit für Vandalismus durch virtuelle Informationsdarstellung über mobile Tablet-Computer oder Smartphone
-Nachhaltig aufgrund schneller und kostengünstiger Implementierung neuer Informationen über die zentrale Software
Im Vordergrund aller Überlegungen müssen der Erhalt und eine gesicherte Finanzierung der Unterhaltskosten, auf Grundlage eines nachhaltigen Konzeptes stehen. Die langfristige finanzielle Unterstützung der Wandelgänge am Mondsee ist abhängig vom Sinn und Nutzen der Gedenkstätte, in den Augen kommender Generationen.

In Städten, Dörfern, Wäldern, Höhlen, Tälern, auf Feldern, Wiesen und Bergen – strahlend, verborgen manchmal vergessen, erinnern sie als stumme Zeugen an besondere Menschen, an Kriege und Frieden, Nöte und Ängste, Siege und Niederlagen – kurz an Geschichte. Geeint vom Anspruch an Bewahrung bedeutender Relikte, Traditionen und Augenblicke der Vergangenheit, harren sie den Naturgewalten. Die Welt ist durchsetzt von solchen Monumenten und Gedenkstätten, die nicht selten und oft einzig durch schiere Größe beeindrucken. In Faltblättern und Filmen werden Informationen präsentiert, mit dem Ziel, ihre Entstehung, Existenz und die notwendigen Maßnahmen ihrer Erhaltung zu legitimieren. Im Laufe von Jahren und Jahrzenten wächst die Gefahr, dass sich die historische Botschaft immer weiter von den subjektiven Vorstellungen und Erwartungen der Menschen entfernt. Einfluss und Bedeutung auf Kultur und Leben gehen verloren. Aus diesem Grund sind die permanente und nachhaltige Reflexion der Gedenkstätte mit der jeweiligen Zeit, die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart und die dadurch erzeugte Identifikation einer der elementarsten Bestandteile unseres Konzeptes. Im Gegensatz zu anderen Orten der Erinnerung bestehen die ‚Wandelgänge am Mondsee‘ aus drei Ebenen. Der konventionellen räumlichen- und sensitiven Ebene, wurde noch eine dritte – die virtuelle Ebene – hinzugefügt. Sie ermöglicht eine aktive Beteiligung der Besucher und erhöht gleichzeitig deren emotionalen Bezug.

Ansätze zur Wahrnehmung:

Die räumliche Ebene ist reduziert auf wenige Elemente, die vor allem von den Hainbuchenhecken dominiert werden. Das sich jahreszeitlich verändernde und jährlich wiederkehrende Farb-, Klang- und Duftspiel der Pflanzen stellt den Bezug zur Natur her und soll die Menschen bewusst aus Ihren alltäglichen Wahrnehmungen herausreißen. Die Bewegung im Labyrinth, mit seinen verschlungenen Wegen bietet die Möglichkeit, durch die bewusste Orientierung und Konzentration, sich von den Alltagsgedanken zu befreien. Für Kinder eröffnen sich vielseitige Möglichkeiten der Beschäftigung in einer einfachen und natürlichen Umgebung. Die Besonderheit des Ortes und die Tiefe der menschlichen Nähe im bewegten Spiel schaffen prägende Erinnerungen, die zur Festigung der Heimatliebe beitragen. Eltern können gemeinsam mit Ihren Kindern, im Zusammenspiel mit dem Mondsee und den vielseitigen Naturerlebnissen im Umfeld, einen abwechslungsreichen Tag oder Urlaub verbringen. Ältere Menschen können auf dem Weg durch das Labyrinth bzw. einem der zahlreichen Verweilplätze Ruhe und Besinnlichkeit oder die Nähe – den Kontakt zu anderen Menschen finden.

Die sensitive Ebene ist eng verbunden mit der räumlichen. Das Erlebnis vom Wandel der Jahreszeiten ist das größte Geschenk an die Besucher. Eine andere Wahrnehmung der Zeit durch die Bewegung in einer vordergründig monotonen Umgebung, wirkt beruhigend und stimulierend zugleich. Auch die reduzierte Darstellung von Informationen trägt dazu bei. Der Tatsache, dass es sich bei den 14 verlorenen Orten im Profener Braunkohlentagebau nur um einen kleinen Teil der durch den Bergbau verlorenen Orte in ganz Mitteldeutschland handelt wird mittels einer zurückhaltenden Gestaltung Rechnung getragen ohne die jeweilige Einzigartigkeit auszulöschen. Nicht dem Einzelschicksal soll ein Denkmal gesetzt werden, sondern dem gemeinschaftlichen Verständnis von den vielschichtigen Zusammenhängen und Folgen. Die entlang der Route gelegenen Orte stehen exemplarisch für die gesamte Region und dienen mit Ihren Einzelschicksalen, die in der dritten – der virtuellen Ebene dargestellt werden, als Beispiele zur Beleuchtung der grundlegenden Inhalte.

Die virtuelle Ebene ist unabhängig von den ersten beiden. Sie existiert rein digital und könnte immer und überall verfügbar gestaltet werden. Ihre Wahrnehmung entspräche jedoch nur dem Gewöhnlichen. Ihr Nachhall wäre sehr kurzzeitig. Das Ziel einer Verknüpfung der realen räumlichen Ebene mit der Virtuellen, durch bereits vorhandene Technologien, ermöglicht eine einprägsame, tiefere Wahrnehmung und schafft dadurch eine bessere und nachhaltigere Darstellung der Inhalte. Jedem Ort, Platz oder Weg werden detaillierte Informationen zugeordnet. Dies können z.B. sein:

– Daten zu den verlorenen Orten – Daten zu Bewohnern, Stammbäume, Besonderheiten – architektonische Details, Impressionen – Daten zur Braunkohle, zum Tagebau, zu Technologien, zur Rekultivierung – Daten zu anderen Bodenschätzen und Energiequellen – Informationen zur Energieversorgung, zur Energieeinsparung – Maßnahmen zum Umweltschutz – Darstellung von Zukunftstechnologien und deren Anwendung – philosophische Betrachtungen im Bezug zum Leben in der Vergangenheit und Zukunft – geschichtliche Ereignisse der Region im Kontext der jeweiligen Zeit – biologische, chemische, physikalische und astronomische Zusammenhänge – u.v.m. Diese Informationen können durch die virtuelle Aufarbeitung multimedial in Wort, Bild und Ton dargestellt werden.

Die Möglichkeiten dieser Technologie sind sehr vielfältig, zukunftsweisend und sukzessive erweiterbar. Das Besondere stellt hierbei die selektive, themenbezogene Informationsbereitstellung dar. Diese funktioniert wie folgt: – die Besucher werden mit einen tragbaren Informationsspeicher ausgestattet, bzw. nutzen eigene Geräte – auf dem Gerät ist eine Software installiert bzw. über ein Onlineportal abrufbar – die Geräte werden am Eingang durch scannen eines Barcodes über die im Gerät integrierte Kamera aktiviert (mobile tagging) – auf dem Display öffnet sich ein Hauptmenü, nach der Sprachauswahl kann der Besucher frei aus verschiedenen Themenbereichen wählen – Intelligente Software wird in Zukunft den Nutzer bereits erkennen, in eine bestimmte Gruppe einordnen und die Themenauswahl dementsprechend anpassen – auch eine barrierefreie Informationsbereitstellung ist möglich – nach Auswahl der Themen bestünde die Möglichkeit einer Führung anhand einer vom System vorgegebenen Route bzw. selbständige Erarbeitung von Informationen durch vom System gestellte Aufgaben zu verschiedenen Themen – jeder Ort würde mittels Barcode, die ihm zugewiesenen Informationen bereitstellen und die Besucher mit Verweis auf den nächsten Ort immer in Bewegung halten. Ziel einer Erschließung der Anlage in Form eines sachbezogenen Themengartens, ist die Verbindung von Bewegung, Spiel und Informationsvermittlung in spielerischer Form. Speziell für Schulklassen bestünde die Möglichkeit lehrplanspezifische Themen, mit konkreten Aufgabenstellungen leichter und anschaulich zu vermitteln und Bezüge zu anderen Bereichen herzustellen. Die Ängste und Vorbehalte älterer Menschen vor dem Umgang mit der Computertechnologie können durch das gemeinsame Durchschreiten der Anlage mit jungen Menschen abgebaut werden. Die Auseinandersetzung und Zuwendung bedarf jedoch nicht zwingendermaßen der technisch gestützten Nutzung. In dieses System können auch Verweise zu Referenzstandorten in der Umgebung integriert und touristische Routen besser vernetzt werden. Die drei Ebenen liefern den Ausgangspunkt für eine Reise, bei der der Weg das Ziel ist. Jede Generation wird Ihre eigenen Vorstellungen einbringen, kann jedoch auf den Erfahrungen der vorherigen aufbauen und von ihnen profitieren. Die wichtigste Lehre aus der Reise soll immer die Erkenntnis eines Strebens im Sinne der Gemeinschaft sein und damit verschiedene Epochen miteinander verbinden.

Die Kulturstiftung Hohenmölsen setzte bereits im Jahr 2009, mit der Initiierung des Rundweges ein sichtbares Zeichen. Ehemalige Bewohner der verlorenen Orte, kommunale Beschäftigte und Teilnehmer der Sommerakademie legten damit den Grundstein für ein gemeinschaftliches Projekt. Diesem ersten Teilprojekt sollen in den kommenden Jahren – mit dem vorliegenden Entwurf – die fehlenden Bausteine hinzugefügt werden. Und so muss die Schaffung eines kollektiven Gefühls im Vordergrund stehen. Es geht darum, nicht nur ehemalige Bewohner und Ihre Familien, sondern ein breites Spektrum an interessierten Personen, Vereinen und Institutionen, für das Bauvorhaben zu begeistern. Einzig durch eine breite Unterstützung in der Bevölkerung wird sich ein nachhaltiger Erfolg einstellen.

Ein wichtiger Punkt ist hierbei die Integration in Verteilung von Aufgaben und Verantwortungen. Das Projekt gliedert sich in folgende Bereiche:

-Öffentlichkeitsarbeit – Public Relations Der Braunkohlentagebau hat neben dem direkten Einfluss auf das Leben der umgesiedelten Bewohner auch Auswirkungen auf die Menschen der umliegenden Region. Aus diesem Grund bedient die Thematik ein breites Spektrum an Emotionen und Erwartungen. Neben dem Mondsee als Freizeitpark zeugen viele Orte von der Vergangenheit und dem Wandel im Bergbaurevier. Es geht um die Darstellung geschichtlicher Zusammenhänge – erlebbar an reellen Orten. Viele sind bereits verschwunden oder lassen lediglich anhand von Fragmenten Geschichten erahnen. Das wichtigste Element für die Erhaltung der geschichtlichen Zusammenhänge und der damit verbundenen Bedeutung und Folgen des Bergbaus in der Region ist eine gemeinsame Sprache in der Außendarstellung. Die Wandelgänge am Mondsee bieten die Möglichkeit einer unbelasteten Annäherung an diese Zusammenhänge. Aus diesem Grund müssen sie Vorreiter und Teil eines abgestimmten Vermarktungskonzeptes sein.

-Errichtung der Anlage Das Heckenlabyrinth besteht aus einfachen Elementen, die zusammen ein komplexes Gebilde schaffen. Die Trennwände bestehen aus einzelnen Heckenpflanzen, die aufgrund Ihrer natürlichen Eigenschaften erst mit der Zeit die gewünschte Form ergeben werden. Die Tiefbauarbeiten müssen zentral geplant und von einer Fachfirma ausgeführt werden. Die Wege bekommen eine gewalzte, wassergebundene Wegdecke aus einem Mineralgemisch und werden in Ihrer Breite barrierefrei angelegt. Beim Erwerb und der Pflanzung der Hainbuchen könnten interessierte Bürger auf freiwilliger Basis beteiligt werden. Die Aussichtsplattform und das Eingangsportal sollten ebenfalls von Fachfirmen ausgeführt werden. Sitzmöglichkeiten, Infotafeln und Spielbereich müssen möglichst einfach mit natürlichen Baumaterialien ausgeführt werden und sollten wenig Anreiz für Vandalismus bieten.

-Programmierung und Installierung der medialen Datenbank Die mediale Datenbank muss aufgrund Ihrer Komplexität und Individualität innovativ geplant und realisiert sein. Aus diesem Grund sollte darüber nachgedacht werden eine Universität mit dieser Aufgabe zu betrauen, um neben der reinen Informatik auch pädagogische und psychologische Ansätze zu implementieren.

-Überwachung und Betrieb der Anlage Der Freizeitpark Hohenmölsen gewinnt durch die Wandelgänge am Mondsee einen hochwertigen Bereich hinzu, der vielerlei Synergieeffekte ermöglicht und zur Stärkung vorhandener Teile, wie z.B. dem Campingplatz, Gastronomie, u.a. beitragen könnte. Speziell in den Übergangszeiten würde eine Belebung stattfinden. Aus diesem Grund sollte die Verwaltung und der Betrieb der Anlage an den Freizeitpark Hohenmölsen angegliedert werden. Die inhaltliche Ausgestaltung sollte jedoch unter der Führung der Kulturstiftung Hohenmölsen gemeinschaftlich erfolgen.

-Pflege und Unterhaltung der Anlage Für die Pflege der Anlage und zur Erhaltung eines gemeinschaftlichen Gefühls wäre es sinnvoll eine Interessengemeinschaft oder einen Verein zu gründen, der zu sich traditionell entwickelnden Festtagen oder mittels regelmäßiger Einsätze die Anlage pflegt. Unterstützt werden sollte diese Gruppe von Firmen und dem Freizeitpark Hohenmölsen.

-Pflege, Anpassung und Erweiterung der medialen Datenbank Ebenso, wie die Programmierung und Installierung, sollte auch der Unterhalt der medialen Datenbank als Langzeit- Forschungsprojekt einer Universität organisiert werden. Auf diese Weise kann die Qualität nachhaltig sichergestellt und hochwertig weiterentwickelt werden. Die Einarbeitung von Inhalten sollte von einer Kommission, bestehend aus Mitgliedern der Universität und der Kulturstiftung Hohenmölsen vorangetrieben und evaluiert werden. Gleichsam ist die aktive Beteiligung interessierter Bürger und Nutzer der Anlage jederzeit zu befürworten und zu unterstützen.

Quellen: Gernot Candolini, Labyrinthe, Pattloch 1999 Wikipedia, Grafik – mobile tagging
Auftraggeber: Kulturstiftung Hohenmölsen c/o Sabine Meinhardt Glück-Auf-Straße1 – D 06712 Zeitz
Konzept, Fotografie und Copyright: Markus Reichenbach – Architekt –Karl-Liebknecht-Sraße 88, D 04275 Leipzig
Januar 2011